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Denkmäler sind ortsgebundene Zeichen, die zum Denken anregen. Manche wurden extra zu diesem Zweck gebaut, andere haben sich erst später als historisches Erzeugnis dazu entwickelt. Denkmalschutz trägt so nicht nur zu einer schönen, anregenden und vielfältigen Umwelt, sondern auch zur ästhetischen Erziehung, historischem Bewusstsein und damit zur vertieften Lebensqualität bei.

Denkmal des Monats Oktober 2022

Warburg, Dampflokomotive mit Stadtansicht, Bahnhof, Burg Calenberg (Postkarte um 1900)

Als Denkmal des Monats Oktober hat der Vorstand des Denkmalvereins den Warburger Bahnhof ausgewählt. Er begründet dieses so:

  • Die Entwicklung und der Ausbau des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert war ein wichtiger Faktor für die frühe und schnelle Industrialisierung in Deutschland. Dabei hatte die Verbindung der sich damals schnell entwickelnden Industriegebiete an Rhein und Ruhr im Westen und Sachsen im Osten eine hohe Priorität.
  • Das aus Ziegelstein im Rundbogenstil gehaltene Empfangsgebäude gehört zu den frühen Beispielen von Bahnhofsarchitektur in Deutschland.
  • Die denkmalgerechte Sanierung und teilweise Rekonstruktion des Gebäudes durch die derzeitigen Eigentümer zeigt, dass Denkmalpflege auch in einem schwierigen städtebaulichen Umfeld möglich ist und Motor für weitere Entwicklungen sein kann.
  • Der aus Warburg stammende Jurist und Kulturwissenschaftler Dr. Johannes Wasmuth hat im September ein umfangreiches Buch zur Warburger Eisenbahngeschichte veröffentlicht, dessen Verbreitung und Lektüre der Warburger Denkmalverein unterstützen möchte.

Der nachfolgende Aufsatz zur Geschichte des Bahnhofes wurde von Herrn Dr. Wasmuth extra für den Warburger Verein für Geschichte und Denkmalschutz geschrieben. Hierfür danken wir.

Historische Ansicht von Süden (Postkarte um 1914)

Der Warburger Bahnhof

Das 1852/53 entstandene Empfangsgebäude des Bahnhofs Warburg (Westfalen) diente der Abfertigung des Personenverkehrs der ostwestfälischen Kleinstadt Warburg. Es befindet sich nordöstlich des Gebiets der historischen Kernstadt. Nahezu 100 Jahre wurde es als Inselbahnhof genutzt, weil an seiner Nord- und seiner Südseite Gleise verliefen.

Geschichte

Mitte des 19. Jahrhunderts war Warburg Teil der preußischen Provinz und lag unmittelbar an der Grenze des Kurfürstentums Hessen-Kassel. Eine frühe Bahnstation erhielt Warburg aufgrund des Plans, eine Bahnverbindung zwischen Halle und Lippstadt zu richten. In Halle sollte sie Anschluss nach Berlin und in Lippstadt Anschluss an die Köln-Mindener Eisenbahn erhalten. Da diese Bahnstrecke aber durch die Staatsgebiete von Preußen, Kurhessen und den Thüringischen Herzogtümer Sachsen-Weimar-Eisenach sowie Sachsen-Coburg und Gotha verlaufen sollte, musste dazu erst ein Staatsvertrag geschlossen werden. So geht Warburgs Bahnanschluss auf den am 20. Dezember 1841 vereinbarten „Vertrag betr. Erbauung der Halle-Kassel-Lippstädter Bahn“ zurück.

Wappen der Westfälischen Eisenbahngesellschaft (2007)

Für die Provinz Westfalen wurde dazu zunächst die Köln-Minden-Thüringer-Verbindungs-Eisenbahn-Gesellschaft als private Aktiengesellschaft gegründet. Nachdem deren Pläne für die Bahnlinie Haueda–Lippstadt staatlich genehmigt worden waren und ihr am 4. Juli 1846 in einer Konzession eine Verlängerung bis Hamm in Aussicht gestellt war, sollte die Bahn zwar zunächst an Warburg vorbeigeführt werden. Da diese Streckenführung aber aus technischen Gründen scheiterte, konnte Warburgs Bürgermeister Heinrich Fischer 1846 erfreut von einer Trassenführung über Warburg und über einen Standort seines Bahnhofs auf „v. Hiddessen Triangel und auf den Ländern der Helle“ berichten. Bereits am 24. April 1847 machte er den ersten Spatenstich zum Bau des Bahnhofs.

Dann aber verzögerte sich der Bau der Bahn auf westfälischem Boden, weil die Köln-Minden-Thüringer-Verbindungs-Eisenbahn-Gesellschaft wegen hoher Baukosten eines Tunnels oberhalb von Willebadessen in Konkurs ging. So mußte der preußische Staat die Königlich Westfälische Eisenbahngesellschaft gründen, die per Gesetz vom 7. Dezember 1849 ermächtigt wurde, die Bahn von der kurhessischen Grenze über Warburg, Paderborn, Lippstadt und Soest nach Hamm zu errichten.

Karte der Warburger Umgebung (1904/12)

Unterdessen aber hatte die kurhessische Friedrich-Wilhelms-Nordbahn-Gesellschaft schon 1849 eine Bahnverbindung von Kassel bis an die kurhessisch-preußische Grenze in Haueda fertiggestellt. Ihre Fortführung bis Warburg verzögerte sich aber deshalb um zwei Jahre, weil unmittelbar an der Grenze das Diemeltal durch ein aufwendig zu errichtendes Viadukt überquert werden mußte. Deshalb erreichte der erste Probezug Warburg von der kurhessischen Grenze aus erst am 6. Januar 1851. Die ersten Züge aus Richtung Hümme mit Anschlüssen aus Kassel kamen am 28. März 1851 an.

Da war allerdings das Empfangsgebäude des Bahnhofs noch nicht errichtet. Auch die Fortführung der Strecke über das Eggegebirge nach Altenbeken und Paderborn ließ noch auf sich warten. Erst gut zwei Jahre später, am 21. Juli 1853, wurde auch dieser Streckenabschnitt unter Beteiligung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen-Kassel und des regierenden Fürsten Georg Victor von Waldeck, die am Warburger Bahnhof zusammentrafen, eröffnet.

Damals verliefen die Bahngleise nur nördlich des Empfangsgebäudes. Ihm gegenüber gab es einen kleinen Lokschuppen und eine Betriebsstätte zur Versorgung in Warburg ankommender Lokomotiven. Dies änderte sich erst mit dem Anschluß Warburgs an die von der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft errichteten Oberen Ruhrtalbahn, die Warburg 1873 erreichte und ihren Verkehr durch das Sauerland nach Hagen für Güter ab dem 6. Januar und für Personen ab dem 10. Februar aufnahm. Ihre Gleise erreichten das Warburger Empfangsgebäude an dessen Südseite. Damit wurde es zu einem von zwei Seiten mit Gleisen umschlossenen Inselbahnhof. An dessen Südseite war frühen Planungen zufolge noch ein Ringlokschuppen vorgesehen, der dann aber nicht gebaut wurde. Statt dessen entstanden das Warburger Bahnbetriebswerk, ein später 20ständiger Ringlokschuppen und der Güterbahnhof westlich des Personenbahnhofs. Die zuletzt noch am 1. Mai 1890 eröffnete Twistetalbahn, die zunächst Warburg mit Arolsen verband und später bis Marburg/Lahn fortgeführt wurde, erreichte den Warburger Personenbahnhof dagegen wieder auf den Nordgleisen.

Luftbild des Inselbahnhofs, im Hintergrund die Zuckerfabrik (um 1900)

Seit 1905 änderte sich an der Gesamtanlage des Bahnhofsgeländes erst einmal nur wenig. Sie überstand die 1920 endende Länderbahnzeit, die Periode der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft während der Weimarer Republik und in den Anfangsjahren der NS-Herrschaft sowie das Intermezzo der ab 1937 auch offiziell in den Dienst des NS-Regimes gestellten Deutschen Reichsbahn. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Warburgs Güterbahnhof Ziel von Fliegerangriffen und die Mittelstände des Lokschuppens wurden weitgehend zerstört. Danach wurden sie nicht wieder aufgebaut.

Einschneidende Veränderungen erfuhr der Warburger Bahnhof erst mit der am 10. Dezember 1970 erfolgten Eröffnung des elektrischen Verkehrs auf der Strecke Kassel-Hamm. 1967 war bereits der Personenverkehr zwischen Warburg und Volkmarsen eingestellt worden. Später wurde auch der lokalen Personenzugverkehr nach Altenbeken, Bestwig und Kassel aufgegeben. Mit der Elektrifizierung wurde ein neues Relaisstellwerk am Oberen Hilgenstock errichtet, das die fünf bis dahin noch in Funktion befindlichen Stellwerke ersetzte. Außerdem wurde der Zugverkehr auf die Nordgleise verlegt. Die Südgleise wurden damit funktionslos und später abgebaut. Die Südseite des Empfangsgebäudes erreichen seitdem Omnibusse des Regionalverkehrs.

Oberbaudirektor Julius Eugen Ruhl (um 1860)

Ende 2011 hat die Deutsche Bahn das Empfangsgebäude an eine Privatperson veräußert, die es grundlegend renovieren und die Fassade weitgehend wieder in den Ursprungszustand hat versetzen lassen. Aktuell wird es als buddhistisches Mediationszentrum genutzt, das am 28. Juni 2014 nach einem bunten Prozessionszug eingeweiht wurde.

Architektonische Gestaltung

Da Warburg in der Provinz Westfalen und damit in Preußen lag, hätte es nahe gelegen, daß das Empfangsgebäude von einem Architekten der Bahngesellschaft geplant worden wäre, die für den Weiterbau auf preußischem Gebiet zuständig war. Für den Grenzbahnhof in Warburg griff man aber auf einen Planer zurück, der damals in Kurhessen Oberhofbaumeister und zugleich erster Generaldirektor der Friedrich Wilhelms-Nordbahn war: Julius Eugen Ruhl. Als Baudirektor war er 1846 und 1847 ohnehin mit dem Bau diverser Empfangsgebäude an den Bahnstrecken GerstungenKarlshafen/Haueda und der Main Weser Bahn befasst. Dies erklärt, weshalb das Warburger Empfangsgebäude gewisse Ähnlichkeiten zu manchen hessischen Bahnhofsgebäuden aufweist, nicht aber zu solchen im übrigen Westfalen.

Historische Ansicht von Nordwesten (Postkarte um 1914)

Das von Julius Eugen Ruhl im Stil des Historismus unter Verwendung romanischer und gotischer Elemente geplante, zweigeschossige Empfangsgebäude in Warburg wurde in den Jahren 1852 und 1853 in unverputztem Backstein errichtet. Ursprünglich hatte es den Grundriss eines Rechtecks. Prägend für das Bauwerk sind die an allen vier Seiten ähnlich gestalteten, zweistufigen Staffelgiebel. Die Breitseiten füllt sie vollständig aus und tritt in der Mitte der Längsseiten als in gesamter Höhe angebrachter Mittelrisalite auf. Die Fassadenbereiche sind jeweils dreigeteilt und werden durch charakteristische Staffelgiebel bestimmt. Diese schließen durch Gesimse ab, die durch sog. Vierpässe durchbrochen werden. An den seitlichen Enden der drei Gesimse sind jeweils auffällige, laternenförmige Fialen angebracht, die den Giebeln ein wehrhaftes Gepräge verleihen.

König Wilhelm III. mit Königin Emma (um 1885)

Im Obergeschoß der Giebel befinden sich im Mittelfeld jeweils zwei gekuppelte Rundbogenfenster, in der linken und rechten Außenseite dagegen drei parallel angeordnete, aus schmalen Rechtecken bestehende Fensteranordnungen. Im Geschoß darunter läuft über das gesamte Gebäude ein einheitliches Fensterband. Nur an den Außenflächen des westlichen Giebels befinden sich statt der Fenster jeweils runde Aussparungen mit den Initialen der Westfälischen Eisenbahn („WE“). Die Wandflächen zwischen den Fenstern der Mittelflächen der Giebel sind jeweils mit hellerem Backstein hervorgehoben.

Die charakteristischen Staffelgiebel an der West- und der Ostseite des Bahnhofsgebäudes sind nachträglich durch Anbauten teilweise verdeckt worden. 1883 erfolgte zunächst ein eingeschossiger, mittig angelegter Anbau an der Ostseite des Gebäudes, der 1890 um ein weiteres Stockwerk ergänzt wurde. Der Eingangsbereich im Westen erhielt 1914 in voller Breite einen eingeschossigen Vorbau. Dieser erstreckte sich über die gesamte Westfront des Gebäudes und war symmetrisch angeordnet. Seine Fassade war dabei dreigeteilt und umfasste neben dem Bahnhofsportal mit Rundbogentüren jeweils rechts und links ein Bogenfenster. In den 1920er oder 1930er Jahren ist dieser Vorbau in der Weise verändert worden, dass er nach Süden hin um ein weiteres Rundbogenfenster erweitert worden ist. Damit wurde die zuvor bestehende Symmetrie beseitigt. Gleichzeitig wurde vor das Rundportal ein zusätzlicher kleiner Vorbau mit zwei rechteckigen Türen gesetzt. Bei der letzten Restaurierung des Bahnhofsgebäudes ist dieser zweite Vorbau wieder zurückgebaut worden. Dagegen blieb der südliche, die Symmetrie des Vorbaus beseitigende Anbau bestehen.

Das sanierte Bahnhofsgebäude von Südwesten (2013)

Während die Außengestaltung des Empfangsgebäudes heute noch weitgehend erhalten und teilweise wieder rekonstruiert worden ist, ist das Untergeschoß im Innern baulich wiederholt verändert worden. Der Eingangsbereich lag, wie auch heute noch, im Westen des Bauwerks. Ihm schloß sich ein Längsflur an, in dem sich Betriebsräume wie die Fahrkartenausgabe und die Gepäckannahme befanden. Er lief auf einen Querflur zu, der seinerseits den Zugang zu den Gleisen ermöglichte. An diesem befanden sich die Wartesäle 3. und 4. Klasse, die es 1853 ganz selbstverständlich gab, während die Wartesäle 1. und 2. Klasse weiter östlich lagen. Nur durch einen Eingang vom Nordbahnsteig aus erreichbar war. Das von Kurfürst Friedrich Wilhelm I. finanzierte Fürstenzimmer, das später vor allem die fürstliche Familie aus Waldeck und ihre Entourage sowie gelegentlich wohl auch der niederländische König Wilhelm III. und seine aus Arolsen stammende Gattin, Königin Emma, nutzten, war nur von außen erreichbar. Im ersten Obergeschoß waren Wohnungen für Bahnbedienstete, namentlich den Bahnhofsvorsteher, untergebracht.

…und von Südosten (2018)

Julius Eugen Ruhl hat mit dem Warburger Bahnhof so ein kleines Meisterwerk der Architektur geschaffen, das heute ein wichtiges Zeugnis für ein historistisches Bauwerk aus der Anfangszeit des Eisenbahnbaus in Westfalen ablegt.

Literatur

  • Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft (Hrsg.), Jahresberichte über die Bergisch-Märkische Eisenbahn, Elberfeld, 1856-1881
  • Czapski, Werner/Hohmann, Friedrich Gerhard/Wichert, Hans Walter, Die Anfänge der Eisenbahn im Hochstift Paderborn, Paderborn, 1987
  • Fischer, Heinrich/Quick, Fritz/Marré, Wilhelm, Die Chroniken der Stadt Warburg, hrsg. von Walter Strümper, Warburg, 2002
  • Huguenin, Bernard/Fischer, Karl, Altenbeken, Klassiker der Eisenbahn, Bd. I: 160 Jahre Chronik, Brakel, 2013
  • Jokel, Hans-Josef, Die Eisenbahn im Eggegebirge, Altenbeken, 1983
  • Kümmel, Birgit/Alfter, Dieter (Hrsg.), Emma, Königin der Niederlande, Prinzessin zu Waldeck und Pyrmont, Petersberg, 2008
  • Landschaftsverband Westfalen-Lippe/Hansestadt Warburg (Hrsg.), Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland. Denkmäler in Westfalen. Kreis Höxter, Bd. 1.1, Stadt Warburg, Petersberg, 2015
  • Lohr, Siegfried, Planungen und Bauten des Kasseler Baumeisters Julius Eugen Ruhl 1796–1871. Ein Beitrag zur Baugeschichte Kassels und Kurhessens im 19. Jahrhundert, Darmstadt, 1984
  • Menninghaus, Werner/Krause, Günter, Die Königlich Westphälische Eisenbahn, Lübbecke, 1985
  • Strohmann, Dirk,  Das Empfangsgebäude des Detmolder Bahnhofs und sein Fürstenzimmer, Münster 2009
  • Udolph, Eugen, Die Eisenbahn in Warburg, Hövelhof, 2015
  • Wasmuth, Johannes, Warburger Welt der Eisenbahn im Spiegel von Geschichte, Politik und Kultur, Brilon, 2022

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